Robert Enke – ist sein Freitod ein Geschenk für uns alle?

© Andrea Marchetti

Der Freitod des Torhüters Robert Enke (10.11.2009) ist derzeit in aller Munde. In den Medien, in den verschiedenen Foren, in den Gesprächen mit Freunden, Familie, Kollegen und einfach da, wo sich Menschen begegnen. Der Begriff Depression wird jetzt öffentlich diskutiert. Weshalb macht uns das Thema auf einmal so betroffen?

Ich glaube, daß sehr, sehr viele Menschen es täglich kennen und erleben und sich das dennoch nicht eingestehen und vor sich selbst und anderen verschweigen:

  • die eigene Überforderung zu spüren,
  • die Scham darüber, daß die mutlosen Momente zunehmen,
  • die Angst nicht mehr zu können und nicht mehr zu wissen, wie der Weg weiter zu gehen ist,
  • das Verhalten, es anderen immer Recht machen zu wollen und sich selbst dabei aus den Augen zu verlieren,
  • die Angst, sich schwach zu zeigen,
  • die Angst, alle und alles zu verlieren,
  • nur noch  Druck zu spüren, nur noch zu funktionieren,
  • abgeschnitten zu sein von den eigenen Bedürfnissen.
  • Da sind Schlafstörungen, Appetitlosigkeit, Existenzängste, Sorgen um den Arbeitsplatz und vieles mehr
  • Und dazu die tägliche Maske: ich kann, ich mache, ich bin gut drauf …  – und die ungeweinten Tränen lösen zusätzlichen Druck aus.

    © Andrea Marchetti

Wer denkt über die eigene Dunkelheit bzw. das eigene Licht nach? Wer traut sich zu erzählen, daß er ausgebrannt ist (gerne auch als Burnout betitelt)? Wer traut sich professionelle Hilfe zu suchen, um wieder das eigene Licht zu spüren statt die Dunkelheit jeden Moment vor Augen zu haben? Wir betreiben alle diesen Selbstbetrug – der eine mehr und der andere weniger.  Doch diese Verblendung besteht.

Ich frage mich, weshalb es noch immer die Scham gibt, sich einen Therapeuten zu suchen? Müssen wir immer alles können?

© Andrea Marchetti

Ich z.B. kann keine Waschmaschine reparieren, kein Auto und vieles mehr kann ich auch nicht. Auch nicht, einen Nagel gerade in die Wand zu schlagen. Na und? So nehme ich Hilfe dafür in Anspruch. Das zeigt doch nur, daß die Klugheit da ist gut für mich selbst zu sorgen und die eigenen Grenzen zu erkennen.

Weshalb löst es vielfach bei Menschen den schalen Beigeschmack aus, wenn sie hören, daß ein Mensch mutig ist und sich fachliche Hilfe sucht, um die persönlichen Nöte und Verhaltensweisen zu klären, sich einfach für den Bereich Unterstützung holt, wo er gerade Hilfe benötigt?

Es ist eine Illusion,

  • alles können zu müssen,
  • alles wissen zu müssen,
  • perfekt sein zu müssen.

    © Andrea Marchetti

Und ich frage mich, wie geht der Lokführer – und seine Familie – mit dieser Erfahrung um? Bekommt bzw. holt er sich psychologische Hilfe? Wo bleibt er in der Diskussion?

Ich wünsche mir sehr, daß wir alle viel bewusster mit uns und unserem Nächsten umgehen. Echtes zuhören, nachfragen, beobachten – und Hilfe anbieten – statt die Floskel „Wie geht’s“ anzuwenden und die  wahre Antwort gar nicht hören zu wollen.

© Andrea Marchetti

Gerade heute gibt es so viele Möglichkeiten, an der eigenen Persönlichkeit zu arbeiten – und nicht nur bei Psychiatern und Psychologen. Das Angebot ist reichhaltig – und es ist an der Zeit, hier aufzuwachen.

Und es gibt Fachleute, die ihr Handwerk verstehen, auch wenn man diese vielleicht selbst bezahlen muss, ohne das die Krankenkasse oder Krankenversicherung die Kosten übernimmt. Und es gibt Wahlmöglichkeiten bei den Therapievarianten, jeder findet das für ihn/sie Passende.

© Andrea Marchetti

Auch davon darf gerne Gebrauch gemacht werden. Wir finden immer zur passenden Zeit die passenden Begleiter bzw. die passende Hilfe – und wenn es Zeit ist, weiterzugehen, dann kommt der nächste Begleiter. Wir brauchen lediglich die Entscheidung zu treffen, Veränderungen herbeiführen zu wollen.

Wenn die aktuelle und sehr öffentliche Diskussion über Depression, über Burnout etc. dazu führt, daß wir mehr Bewusstsein über unsere tiefen Verletzungen erlangen und lernen, besser für uns selbst zu sorgen, und dadurch auch für unseren Nächsten, dann ist der Tod von Robert Enke ein Geschenk an uns alle. Nehmen wir doch dieses Geschenk von Herzen an!

© Andrea Marchetti

Zum Thema Depression hier einige Informationsquellen:

http://www.kompetenznetz-depression.de/

http://www.deutsche-depressionshilfe.de/

http://www.buendnis-depression.de/

http://www.focus.de/magazin/videos/focus-titel-die-burn-out-gesellschaft_vid_15945.html

http://www.faz.net/s/RubEC1ACFE1EE274C81BCD3621EF555C83C/Doc~E6BD3920E13944DF191A692AB4DD9FA15~ATpl~Ecommon~Scontent.html

Suchen Sie sich Hilfe – für sich selbst und für andere – weil Sie es sich selbst wert sind!

Herzlichst

Evelyn

Mentorin auf Zeit

30.12.2014:

Ich bin auf diesen Artikel gestoßen, der mich sehr tief berührt. Hier wird von einer Selbstmordrate von 1.000 Menschen auf Schienen im Jahr gesprochen. Insiderkreise meinen, daß sei stark untertrieben – es wären mehr als 3.000 Menschen im Jahr.


3 Kommentare

  1. 1. Rainer Griese

    Kommentar vom 17. November 2009 um 21:34

    Handwerker-Gespräch mitgekriegt:
    „Wie geht’s?“
    „Muss…“

    Ich habe Depressionen, immer wieder …
    Das ist das tiefe Nachdenken über und überprüfen dessen, was wir in dieser „Vorzeige-Alles-ist-schön-Welt vorgegaukelt“ kriegen.

    „Bonjour tristesse“ … ich steh zu meinen Depressionen, sie sind ein wichtiger Teil meiner Persönlichkeit.

    Wenns zu arg wird … Hilfe holen. Es gibt genug.
    Nicht schämen schwach zu sein.

    ALLES IST EINS

    Rainer

  2. 2. Iris Soukup

    Kommentar vom 20. November 2009 um 08:26

    Der Freitod von Robert Enke hat mich sehr bewegt.

    2009 ist überhaupt ein sehr bewegtes Jahr. Ein Jahr, in dem viele Geheimnisse aufgedeckt werden. Viele Fassaden bröckeln und zeigen ihr wahres Gesicht.
    Das ist wohl ein sehr wichtiger Prozess für die Menschheit.

    Robert Enke hat durch seinen Freitod sehr viele Menschen erreicht und zum Nachdenken angeregt.

    Vielleicht musste ausgerechnet Robert Enke es sein, weil nur er diese gewaltige Bewegung auslösen konnte.Nur ein ganz besonderer Mensch konnte diesen Ruck, dieses Aufrütteln erreichen.

    Die Menschen haben überall über Tabuthemen, wie Deppression und Suizid diskutiert. Und sehr viele Menschen tragen solch ein Tabuthema mit sich herum. Nun endlich konnten Sie ihren Tränen und ihren Geschichten freien Lauf lassen.

    Und ich wünsche mir, dass all diese Menschen auch künftig den Mut finden, offen auszusprechen, was sie denken und fühlen. Es ist Zeit, Masken fallen zu lassen, egal aus welchen Gründen wir sie aufhaben.
    Es muss endlich wieder Raum sein, für Gefühl und Mitgefühl.

    Unendlich viele Menschen haben um Robert Enke
    geweint und weinen immer noch.

    Wir alle können jetzt dazu beitragen, dass der Freitod von Robert Enke nicht umsonst war.

    Zeigen wir Gefühl und Mitgefühl für unsere Mitmenschen, denn dann fällt es jedem Menschen leichter, sich zu öffen und sich zu seinen Schwächen zu bekennen.

    Die Welle der Liebe und Anteilnahme hat ihn ganz bestimmt in der jenseitigen Welt erreicht.

    Mein Mitgefühl gilt seiner Familie, aber auch allen Menschen, die um Robert Enke trauern.

    Iris

  3. 3. Steffen A. Pfeiffer

    Kommentar vom 15. Mai 2011 um 12:01

    Klassische Anzeichen eines nachhaltigen Burn-Out, der diesen Mann von Spiel zu Spiel existieren und leisten ließ, was die Gesellschaft von ihm erwartet hat.

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