Die Trauer – ein Geschenk (1/2)

© Andrea Marchetti

Weit, weit entfernt, in einem anderen Land jenseits der Zeit saß die Trauer in ihrem kleinen Haus. Das Haus stand auf einem Berg und wurde von einer großen Weide überdacht.  Der Berg war eine Insel im Meer der Tränen. Die Trauer hatte gerade ihre Tränenkrüglein wieder aufgefüllt und stellte sie in ein Erdloch in der Nähe des Herdfeuers, um ihnen Wäre und Kraft zu geben. Sie verbrannte bittere Kräuter, deren Aroma den Tränen ihre heilende und beruhigende Wirkung geben sollte.

© Andrea Marchetti

Jeden Morgen flog sie zu allen Heilungsplätzen ihres Landes. Heute hatte sie die Morgenrunde schon beendet. Sie war in der trostlosen Wüste gewesen – hier konnten die Einsamkeit und Trostlosigkeit, die nach einem Verlust unweigerlich kommen, mit allen Sinnen erlebt werden. Sie hatte allen Menschen, die gerade dort feststeckten, Mut gemacht, es auszuhalten, sie daran erinnert, immer wieder einen tiefen Seufzer zu tun und dann ein paar Schritte weiterzugehen.

© Andrea Marchetti

Sie hatte die Wegweiser, die zur Oase führen, kontrolliert – es war wichtig, daß sie nicht umfielen oder unleserlich wurden. Die Oase war schließlich der wichtige Ort, an dem sich die leidgeprüften Pilger der Einsamkeit entspannen konnten. Es gab viele Wegweiser, denn die Erfahrung hatte gezeigt, daß Wüstenwanderer lieber ihren eigenen Traumbildern folgten. Sie erschufen die Fata Morgana des „Wäre-es-doch-alles-anders-gekommen“. So wurden die Hinweise auf die kleinen möglichen Wohltaten, die es tatsächlich auch an diesem fruchtbaren Ort gab, oft übersehen. In der Oase lernten die Menschen, daß es auch in der Krise notwendig ist, liebevoll für den Körper zu sorgen.

© Andrea Marchetti

Sie war dann zum Vulkan geflogen – hier musste sie täglich besonders darauf achten, daß der Krater nicht mit Felsbrocken verschlossen wurde. Das heftige Gefühl der Wut war eine wichtige Kraft im Land der Trauer. Jeder kräftige Vulkanausbruch schuf neues Land, neue Inseln im Tränenmeer. Es war nicht möglich, diese Kraft zu unterdrücken, dennoch wurde es immer wieder versucht. Die Menschen hatten gelernt, daß Trauer und Wut nicht zusammenpassen. Wenn dann die Krateröffnungen dicht waren, musste die Wut als schwefeliges Gas durch kleine Erdritzen entweichen. Sie suchte sich immer ihren Weg.
– Antje Uffmann –

Herzlichst

Evelyn

Mentorin auf Zeit


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