Scham und die Aktivitätssucht

© Andrea Marchetti

Die (unsere) Stimmung kann auch durch ein bestimmtes Verhalten oder durch Aktivität verändert werden. Ich habe die Rituale und das magische Verhalten bereits beschrieben, aus dem sich der Abwehrmechanismus des Ungeschehenmachens zusammensetzt. Bestimmte, zwanghafte, ritualisierte Verhaltensweisen dienen dem Zweck, Ängste vor gewissen Wünschen, Gefühlen und Impulsen, deren man sich schämt, verschwinden zu lassen.

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Die häufigsten Aktivitäten, die zu einer Stimmungsveränderung führen, sind Arbeiten, Einkaufen, Sex, Lesen, Glücksspiele, sportliche Veranstaltungen, Fernsehen und eine Beschäftigung mit Haustieren. Keine dieser Tätigkeiten ist eine Sucht, wenn sie keine lebensschädigen Folgen hat. Aber andererseits können alle diese Aktivitäten lebensschädigende Formen der Sucht darstellen. Sie ermöglichen es dem Menschen, seine Stimmung dadurch zu verändern, daß er sich einer dieser Aktivitäten voll und ganz widmet.

Arbeitssucht ist eine ernstzunehmende Sucht. Der Arbeitssüchtige, der Tausende von Stunden mit seiner Arbeit verbringt, kann auf diese Weise den quälenden Gefühlen der Einsamkeit und Depression aus dem Weg gehen.

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Ich kenne eine experimentelle Studie, bei der zehn leitende Angestellte verschiedener Firmen in Klausur gehen mußten. Sie wurden aufgefordert, während eines verlängerten Wochenendes von vier Tagen alles zu vermeiden, was sie von ihren Gefühlen ablenken könnte. Sie sollten nicht lesen, trinken, rauchen, fernsehen, über das Geschäft reden, telefonieren, Sport treiben usw. Am dritten Tag litten alle diese dynamischen Spitzenkräfte unter Depressionen. Sie hatten Kontakt mit ihrer inneren Leere und Einsamkeit aufgenommen. In vielen Fllen waren ihre Kinder bereits mit dem Gesetz in Konflikt geraden und hatten Drogenprobleme. Häufig mußten sie die Bürde der Einsamkeit und der Schmerzen ihrer Eltern tragen.

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Die gleiche Dynamik gilt auch für die anderen Formen der Aktivitätsssucht. Alle diese Tätigkeiten haben den Zweck, die Einsamkeit und den Schmerz, der im Unterleib der toxischen Scham sitzt, zu verstecken.

Die toxische Scham ist der Bösewicht, das Schwarze Loch, das ihr Leben verschluckt und das sie zwingt, immer mehr zu leisten.

Aus: Wenn Scham krank macht

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Ich bekomme immer wieder zahlreiche Mails, worin ich gefragt werde, ob ich „Hellseherin“ bin, denn meine Beiträge hier brächten es auf den Punkt.


So viele von uns sind mit den Themen, die hier angesprochen werden,  in Berührung.  Doch sind das Themen, die gerne tot geschwiegen werden, vor sich selbst und vor anderen. Ich kenne das, von mir selbst, aus meiner Erzeugerfamilie, aus meinem Umfeld und aus meiner Praxis. Nur deshalb kann ich all diese Bereiche hier aufgreifen. Es gab auch bei mir z.B. Jahrzehnte, da waren 12 bis 16 Arbeitsstunden die Regel, und das an 6 Tagen die Woche. Der Preis, den ich dafür bezahlte, war sehr, sehr hoch.

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Bitte – habe den Mut, in Deinen eigenen Spiegel – und damit in Deine eigenen Verletzungen – zu schauen. Auch Du kannst aus den Verhaltensmustern aussteigen, wenn Du denn willst. Alles ist veränderbar, doch den ersten Schritt haben wir selbst zu machen. Ja, Angst ist da, sich selbst zu begegnen, den eigenen Schmerz erneut zu fühlen, die eigene „Verblendung“ zu erkennen. Doch es ist der einzige Weg, aus diesem Kreislauf auszusteigen.

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Es gibt die schöne Aussage „Wenn der Schüler bereit ist, kommt der Lehrer“. Dir werden genau die passenden Wegbegleiter begegnen, mit denen Du diese Schritte unternehmen kannst. Und es werden die Menschen am Wegesrand stehen bleiben, die Dich genau dafür ablehnen, daß Du es wagst, gut für Dich selbst zu sorgen.

Ich schließe hier mit dem Zitat:

Egoistisch sind wir nicht deshalb, weil wir uns selber zu sehr lieben, sondern weil wir uns zu wenig lieben. Wenn wir uns beispielsweise im tiefsten Innern ungeliebt fühlen, uns aber um dieses Gefühl nicht kümmern, weil wir es verdrängt haben, dann werden wir bedürftig, gierig, ja süchtig sein nach der Liebe anderer.
– Safi Nidiaye –

Herzlichst

Evelyn

Mentorin auf Zeit


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